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Keine Freiheit den Engländern
Die Angst geht um, die Angst von den gefühllosen Inselbewohnern einfach überrannt, ja vereinnahmt zu werden. Sie wollen unser Land – zumindest aber unsere Sprache. Wie konnte das Englische über uns kommen, so ganz ohne Vorwarnung zuschlagen? Englisch als Weltsprache, o my god!!!
Einige Helden haben sich aufgemacht die deutsche Sprache, die deutsche Bevölkerung zu schützen, haben einen Verein gegründet, Mitstreiter geworben – und verkaufen im Internet ganz fleißig Wörter. Deutsche Wörter versteht sich. ein liebes kleines Wort Mit einer so genannten Spende - das Wort „kostet“ fünf Euro - werden Sie unter www.wortpatenschaft.de Wortpate. Der Erlös geht an den Verein Deutsche Sprache (VDS). Doch wirklich! Patenschaften für arme Waisenkinder aus fernen Ländern, meinetwegen auch für Tiere sind passé! (Sind Romanismen eigentlich in Ordnung - oder sogar o.k.?) Sie können ein Wort „beschützen“, Sie „übernehmen die Verantwortung und (....) pflegen es“. Wie süß! Was braucht so ein Wort eigentlich? Ist es lieb und schreit es wenig? Sonst will ich es nicht! Aber aufgepasst: „Hüten Sie es vor Missbrauch oder Verdrängung“! Sind die irre? Vielleicht gibt’s für die kleinen armen hilflosen deutschen Worte ja auch Ratgeber „Geh niemals mit dem bösen englischen Mann mit“. Das sollte Ihnen doch läppische fünf Euro wert sein, gell? Schließlich „helfen Sie damit unserer schönen Muttersprache“ (die ist - wie uns die Sprachpfleger aufklären - über 1500 Jahre alt. Na, Glückwunsch!) und „stärken unsere kulturelle Identität“. „Sie helfen uns allen - und helfen sich damit selbst“. Da brauchen aber viele Hilfe. „Geistiger Umweltschutz.“ Boah! Übrigens: www.4fo.de (steht für“ for friends only“ – hui, gleich drei englische Worte, und auch noch so schick abgekürzt) übernimmt für den Verein Deutsche Sprache als Empfänger der „Spenden“ die finanzielle Abwicklung der Patenschaften. gemeine Sprachhunzer und fiese Panscher Auf der Startseite (www.vds-ev.de) findet sich eine Umfrage nach der Notwendigkeites eines Gesetzes in Deutschland, welches Deutsch verbindlich als Amts- und Umgangssprache in allen Gesellschaftsbereichen festlegt. Knapp 70 Prozent (!) finden das unbedingt notwendig. Roland Duhamel (Vorsitzender des belgischen Germanistenverbandes und bekennendes Mitglied des VDS) findet sogar: "Englisch als erste Fremdsprache müsste europaweit verboten werden." Aha! Regelmäßig fühlt sich der VDS berufen, einen Gewinner in der Kategorie „Sprachhunzer des Monats“ und „Sprachpanscher des Jahres“ auszurufen. Dafür wird die Gemeinschaft der VDSler zu konzertierten Aktionen aufgerufen und es werden „Faustregeln“ ausgegeben: „Die rohen Sprachverderber in Deutschland sollen mit Protesten überhäuft werden. Machen Sie mit! ... Wir müssen ihnen zeigen, wie sehr sie sich lächerlich machen und mit ihrem albernen Denglisch die schöne deutsche Sprache verunstalten. Auf ihren Schreibtischen soll sich viel Papier türmen. ... Es gibt Anzeichen dafür, daß unsere Protestbriefe ... Wirkung zeigen. In einigen Antwortschreiben wurde Besserung gelobt, ein von uns kritisierter Sprachhunzer trat sogar in den VDS ein.“ Der Arme!!! In der Datenbank des Vereins stehen rund 350 000 Wörter. Jedes Wort wird nur ein Mal vergeben. Jeder, der fünf Euro übrig hat, kann Wortpate werden, erhält eine Urkunde und einen Anstecker mit seinem Wort. Die Wortpaten verpflichten sich, dass Wort möglichst oft zu verwenden und es so vor dem Aussterben zu bewahren. Was für eine Vorstellung! Uli und Iris schützen sie Zu den prominenten Paten gehören Ulrich Wickert und Iris Berben. Dass Wickert sich für den Begriff „Freiheit“ entschieden hat, war schlau. Iris Berben dagegen möchte das Wort „Silberhochzeit“ schützen. Wie häufig wird sie dieses verwenden? Und vor welcher englischen Entsprechung will sie das deutsche Volk eigentlich schützen? War das deutsche „Silberhochzeit“ jemals vom Aussterben bedroht? Ganz aktuell wird vermeldet, dass die Theater- und TV-Darstellerin Annette Frier die Wortpatenschaft für „Sternschnuppenschnee“ übernehme. Dieses Wort vor englischen Übergriffen zu schützen dürfte unproblematisch sein, bei der verlangten häufigen Verwendung allerdings dürfte Frau Frier noch mehr Schwierigkeiten haben als Frau Berben. Reinhard kann's auch Dass sich Reinhard Mey (Liedermacher und bekennendes Mitglied des VDS) über das Verhalten der bösen, bösen Medien echauffiert und findet, dass „kein Weg an einer Quote für deutschsprachige Musik vorbeiführt“, mag noch seinem begründeten Wunsch nach höheren Verkaufszahlen geschuldet sein. „Über den Wolken“ gibt’s zwar grenzenlose Freiheit, aber zum Glück keine Engländer oder noch schlimmer Amis. Nina Ruge - Fernsehmoderatorin, Autorin und ebenfalls Mitglied - findet: "Soll Sprache Geist transportieren, muß sie geistvoll sein." Na, wer hätte das gedacht, Frau Ruge! Auf ihrer Homepage wollte sie dennoch nicht von den Begriffen „News“ (wir bieten „Neuigkeiten“, wenn kurz sein soll auch „Neues“ als Rubriktitel an) und dem knackigen „Charity“ (wie wärs mit „Wohltätigkeit“?) lassen. Sie bietet „Produkte und Designes“ an, was zum Teufel sind „Designes“? Wir waren ratlos und freuen uns über aufklärende Zuschriften! Nina mag's ebenso Nina Ruge verkauft übrigens auch Rosen, die entsprechen ihrem poetisch-geistvollen Wesen. Auf der Blumeninsel Mainau taufte sie eine Rose, indem sie die Neuzüchtung mit Bodenseewasser „beträufelte“. Wer so liebevoll-menschlich mit Blumen umgeht, den muss auch der Missbrauch von deutschen „Wörtern“ quälen. Entschuldigung Frau Ruge, aber unsere Späßchen werden Sie sicher überleben, denn „diese Rose ist wirklich robust. Weil auch ich in einem Geschäft arbeite, in dem man etwas robust sein muss. Da entspricht sie meinem Wesen.“ Alles wird gut, Nina! Das Internet ist grenzenlos. So darf jeder unter noch so krudem Pseudonym seine noch so unwichtige Meinung zum Besten geben. Ein Blogger auf der Seite des VDS gibt sich zwar selbstkritisch, hat dafür aber Schwierigkeiten seine Finger vom Englischen zu lassen: „Natürlich macht es auch wenig Sinn (ups! Sinn machen ist eine ganz und gar falsche und zudem „undeutsche“ Übersetzung aus dem Englischen; wie wärs mit „es ist sinnlos, sinnentleert“), die für eine Patenschaft zur Verfügung stehenden Worte möglichst oft zu verwenden.“ Stolz und Brechreiz Ein anderer entdeckt Vaterqualitäten: „Auch ich bin sehr stolz auf 'mein Wort' und überlege oft, was ich damit tun werde. Natürlich werde ich es bedenken und fördern wie ein richtiges Patenkind. Vielleicht werde ich dem Wort eine eigene Seite basteln und alles sammeln, was ihm gefällt oder gefallen könnte." Der stolze Wortpapa möchte "die Tätigkeiten um das Wort" (was bitte????) "verteidigen gegen seelenlose Ersatztätigkeiten, wie sie uns der große Bruder als 'zeitgemäß' anzudrehen trachtet." Der Wortbesitzer überlegt auch "jedes Jahr den Tag feierlich zu begehen, an dem mein Wort zu mir kam." Na, fein! Dieser Zeitgenosse scheint sich um den Verstand geredet zu haben: „Dieses nördliche-denglische 'Gewalke' (Anm. d. Red.: bemerkenswerte Wortschöpfung) ist doch ein Witz... Wenn man diese Leute mit ernst-gewichtiger Mine (sic!, Anm. d. Red.: Wie wäre es mit einem Duden, der kostet allerdings mehr als 5 Euro.) meist wortlos durch die Gegend stapfen sieht, kommt mir doch der Brechreiz ... oder wenigstens Mitleid. Allenthalben sind Impulse zu bemerken, heimische Werte, Gewohnheiten, Bräuche und eben Sprache gegen AmericoStroh (Frage d. Red.: was bitte ist das für ein Wort?) zu ersetzen. (Anm. d. Red.: Möge der Sprachpfleger bitte zunächst vor der eigenen Türe kehren. Will er die Sprache durch etwas anderes ersetzen oder sie gegen etwas verteidigen?) Wer dies als Absicht immer noch nicht wahrnimmt, ist wohl noch nicht aufgewacht und dämmert noch brav und naiv (Anm. d. Red.: er hat bestimmt das Wörtchen „noch“ adoptiert). Es ist aber längst Frühstückszeit! In diesem Sinne, frisch auf! Von Martin Luther blieb der Rat für Redner: „Mach's Maul auf, tritt fest auf, hör bald auf!“ so endet der Kommentar dieses Wortpaten. Na dann, halt dich mal dran! Dass wir uns richtig verstehen! Fast jeder Jugendliche wächst heute mit dem Englischen als erster Fremdsprache auf. Es ist durch seine internationale Verbreitung längst zur Weltverkehrssprache geworden. Dies heißt nicht, dass wir sinnlose, unverständliche englische Wortschöpfungen übernehmen müssen. Allerdings wird Polemik der komplexen Frage nach einem angemessenen Umgang mit Anglizismen nicht gerecht. Wie wärs mit Differenzierung? Gibt es für bestimmte englischen Begriffe ein deutsches Äquivalent? Ist das englische Wort prägnanter, klarer, kürzer, variantenreicher? Sind die Übersetzungen ins Deutsche ungenau und umständlich? Ist der Anglizismus aber uneindeutig, führt er zu Verständigungs- und Verständnisschwierigkeiten und der Ausgrenzung desjenigen, der ihn nicht versteht, gebrauchen wir ihn einfach nicht. Ursprünglich ist Englisch als westgermanische Sprache zusammen mit der niederdeutschen entstanden. Einflüsse fremder Sprachen auf das Deutsche gab es schon immer. Gefragt ist ein bewusster Umgang sowohl mit unserer Muttersprache als auch mit dem Englischen – weg von Polemik und Panikmacherei. (ste) Zum Schmunzeln und Mitmeckern. Unsere Linktipps seltsam: http://www.wortpatenschaft.de, http://www.vds-ev.de, http://www.nina-ruge.de witzig: http://www.unwortdesjahres.org seriös: http://www.gfds.de |