LÄSTERLICH - die Zweite PDF  | Drucken |

"Aber ich bin ärmer als du!" Läster-Schwester lauscht

Ich möchte mich ihnen, wenn Sie erlauben, hier in aller Form vorstellen. Mein Name ist nebensächlich, denn ich bin nur Ihre Läster Schwester!

Sie brauchen jetzt gar nicht so empört zu gucken, ich weiß, dass auch Sie dieser nur allzu menschlichen Schwäche hin und wieder erliegen. Jeder tut es und alle anderen, die behaupten lästern wäre ihnen fremd, lügen!! Sie lügen wie gedruckt.

Ich möchte Ihnen, meinen Schwestern und Brüdern im Geiste, aber gleich zu Beginn diese falschen Hemmungen nehmen. Wir, die Spezies Mensch, muss lästern! Ha, das haben Sie nicht gewusst? Seien wir mal ehrlich, in den Schwächen der anderen erkennen wir unsere Stärken. Nur im Vergleich mit anderen Individuen können wir, und sei es auch nur im stillen Kämmerlein, uns ein klein wenig von der Masse abheben! Gerade, wenn uns der berühmte Badhairday, die monatlich stets wiederkehrenden Hormonschwankungen und der sprachlose Partner zur Verzweiflung treiben, tut so mancher kleine Blick auf die „unmöglichen Mitmenschen“ ganz gut. Es ist beruhigend und anregend zugleich. Ich habe diese Schwäche stets als eine Tugend betrachtet.

Ich habe zwei Talente und das passende Äußere, um diese besagte Kunst zu perfektionieren. Was mein Aussehen anbelangt, so ist es eher unauffällig. Ich bin weder schrill noch mondän gekleidet, bin nicht von herausragender Größe eher klein und hätte ich nicht mein loses Mundwerk wäre ich an so mancher mannshoher Theke schon verdurstet. Meine Talente sind in erster Linie angeboren. Ich habe ein extrem gut ausgebildetes Gehör und ein sogenanntes Tonbandgedächtnis. Mit anderen Worten, ich kann hervorragend zuhören und das Gehörte nahezu wortgetreu wieder abspulen. In einer rappelvollen Kneipe kann ich ohne Probleme Gespräche an den umliegenden Tischen belauschen, ohne mich durch das Stimmengewirr ablenken zulassen. Das hat mir schon so manch interessante Wartezeit beschert, ein Grund aus dem ich ganz gern als erste im Lokal bin. Wenn dann meine Begleitung eintrifft kann ich sie gleich mit einer kleinen amüsanten Anekdote von Tisch Nr. drei unterhalten.

Jetzt höre ich schon den empörten Aufschrei, das ist ja nur Getratsche!! Irrtum, um zu tratschen, müsste ich die betreffenden Personen kennen. „Neulich sagte doch der Sowieso, dass die Soundso mit dem .....,na ist das nicht wieder typisch!“ Diese Art des Austauschs von Neuigkeiten, oft sind’s ja nur Gerüchte, die wird schnell langweilig. Während ich stillvergnügt über andere lästere trete ich ihnen in keiner Weise zu nahe und riskiere keinen Rufmord. Mir geht es nicht darum, dass andere durch meine Lästereien zu Schaden kommen. Ich will nur mein eigenes Ego ein wenig aufpolieren, meinen Schweinehund ein wenig bauchpinseln. Gefällt Ihnen nicht, diese fiese Tour? Dann sollten Sie nicht weiterlesen, denn entweder Sie sind nicht bereit ihrer eigenen menschlichen Schwäche ins Gesicht zu sehen oder Sie gehören zu einer ausgewählten kleinen Gruppe der wirklich netten, guten Menschen, dann sollten Sie sich nicht verderben lassen.

All die anderen lade ich ein mich auf eine kleine Tour durch menschliche Macken zu begleiten. Jeder Lästerei liegt die Gabe zur Beobachtung zu Grunde, menschliche Schwächen können, auch wenn man sich darüber amüsiert, sehr lehrreich sein.

„...aber ich bin ärmer als du!“

Nach einem anstrengenden Arbeitstag wollte ich mir ein klein wenig Erholung gönnen, rief meinen sogenannten Lebensabschnittsgefährten an und verabredete mich mit ihm in einer netten Kneipe mit guter Küche in Berlin Kreuzberg.
Es gelang mir vor dem Gefährten da zu sein, hatte einfach kein Parkplatzproblem, da des Autofahrens gar nicht mächtig, und saß allein und unbemerkt an einem netten Ecktischchen und schaute in die Runde. Eingehendes studieren der Karte, ahh Entenbusen an Salat und gegorener Traubensaft an Glas, wieso das „an“ heißt, wo sie doch die Entenbrustschnipsel immer oben auf servieren. Als erstes kam der gegorene Traubensaft, selbiger stammte aus der Toskana, wo es angeblich sooo schön sein soll. Der Wein schmeckt danach, aber ich habe diesen so viel umschwärmten Landstrich nur im Regen kennengelernt,... nee das führt jetzt zu weit, erzähle ich ihnen ein anderes Mal.

Da saß ich nun ganz ins Getränk versunken und lauschte dem Stimmengewirr der umliegenden Tische. “...hast aber auch nicht die billigsten Karten gekauft!“ „DU das war eine echte Ausnahme, echt! Dieses Stück von Brecht, also das wollte ich schon immer mal von ihm inszeniert haben.“ Ahh, ein Brechtliebhaber, der Stücke sogar inszeniert bekommt, das versprach interessant zu werden. Ich stellte meine Radar-Ohren auf, und ließ meinen Blick umherschweifen. Ha, erwischt, da saßen sie!

Ein hübsches Pärchen, sie im Edel-Schlabber-Leinen-Look, er leger mit T-Shirt, Jeans, Jackett. Neben ihm stand eine schicke lederne Aktenmappe, seine Begleiterin hatte einen ganz entzückenden Ledersack, an dem der Verschluss aussah wie ein umgedrehtes Hufeisen, also eines aus dem das Glück wieder herausfällt! Dieses Schmiede ähnliche Gebilde erkannte ich als Markenzeichen eines Luxustaschenlabels, dessen Schöpfer keinesfalls Glücksschmied, sondern Modemensch ist.

„ So einmalig ist dieser Regisseur gar nicht. In Hamburg war die Inszenierung viel gelungener“ „DA hattest DU ja bestimmt wieder Premiere Karten, oder!? „ Die bekomme ich doch von Haus aus viiiel günstiger, ICH könnte keine 100 Euro für Theaterkarten ausgeben.“ „Dein Lebensstandart ist ja auch sonst viel teurer als meiner,.....“ „Wie Bitte? Teurer, Du, das sind alles alte Klamotten, ich leiste mir nicht jeden Monat ein neues Kleidungsstück, und....“ „Nee, das kaufen Dir ja Deine Eltern, wenn du sie alle paar Monate besuchst!“„ Aber eine Eigentumswohnung haben sie mir nicht gekauft!“
„Was kann ich denn dafür, wenn mein Vater in Berliner Immobilien schon frühzeitig investiert hat. Da bot es sich doch für mich an dort einzuziehen. Ich kann von der monatlichen Zuwendung nicht auch noch Miete bezahlen!“
Der Arme!!!! Leider ließ er mich im unklaren wie hoch wohl der monatliche Betrag war, von dem er so notdürftig existierte. Die beiden waren, wie ich aus weiteren Gesprächsfetzen heraushörte, Studenten der Kulturwissenschaften. Ein schönes Studium habe ich mir sagen lassen, vor allen Dingen, wenn der Lebensweg noch nicht so wirklich feststeht.

Fest stand jedoch nach diesem Abend, dass ich zwei dieser sonderbaren Intellektuellen begegnet bin, für die ein dürftiger Lebensstandart ein Muss ist. JA es gibt sie noch die Bohème. Längst glaubten wir an eine ausgestorbene Minderheit, aber Nein mitnichten. Diese wahren Lebenskünstler waren in ihren eigenen Augen vor allem eines, Überlebenskünstler. Ganz nah am sozialen Abgrund stehen sie, einzig beseelt ihr Leben zu leben, ihre Berufung zu finden. Ein sinnvolles Leben mit der Verwirklichung eigener Ideen und Ideale. Jaaa, Schööööön, es tut so gut so viel Elan zu spüren im grauen Alltag, der die meisten Mitmenschen, die einer Arbeit oder auch keiner nachgehen, umgibt. Wir, die dröge Masse, die über den schnöden Mammon nicht erhaben sind, wir, die wir dem Glanz des Goldes eher folgen als unserer innersten Überzeugung, nein wie klein sind wir doch im Angesicht solcher Geister. Und wie klein wirkte meine Brieftasche im Vergleich zu der ihren!!!!

Ich möchte hier richtig stellen, dass ich nichts gegen Leute einzuwenden habe die viel Geld besitzen, auch nichts gegen Eltern die ihren Kindern jedes noch so lange Studium finanzieren. Auch nichts gegen Eltern, die ihre Kinder experimentieren lassen, wenn sie es sich doch leisten können. Im Gegenteil: Nichts finde ich widerlicher als reiche Knicksäcke, die ihre Sprößlinge möglichst knapp halten. Frei nach dem Motto, ich hatte es damals auch nicht leicht und habe mich durchgebissen!! Ich verstehe sogar die Kinder, die ihr reiches Haus verleugnen, weil sie nie sicher waren, ob man sie meinte oder ihre Kohle. Aber was ich nur zum Lachen finde, sind Leute, die es schick finden sich als arme Kirchenmaus auszugeben, wenn es offensichtlich ist, dass sie gutes Geld in der Tasche haben und obendrein noch ein betuchtes Elternhaus im Hintergrund.

Als mein Gefährte kam, keilten sie sich gerade über die Möglichkeit des stilvollen Einkaufs der Lebensmittel zu günstigen Preisen. Ich persönlich hätte ja einen Einkaufsbummel im Nerz bei ALDI für stilvoll gehalten. Nee, unter der Lebensmittelabteilung von Karstadt, wo es sich so günstig kaufen lässt wie in einer Apotheke, ging es nicht. Es war herrlich. Sie stritten sich wirklich darum, wer von ihnen beiden ärmer ist.

Prima, das möchte ich auch mal machen. Ich möchte auch mal soviel Probleme mit soviel Geld haben. Ich kauf‘ dann auch immer die Ausverkaufsklamotten von dem Mann mit dem Hufeisen. Ach dat wär‘ scheen!!

(cat)