LÄSTERLICH - die Dritte PDF  | Drucken |

"Stört es Sie, wenn ich lese?" Läster-Schwester in der U-Bahn

Ich bin's wieder, Ihre Läster-Schwester. Und ich habe mich ins Innerste der Stadt gewagt, um hier meine Studien am menschlichen Subjekt fortzuführen. Ein Ort, an dem ich gänzlichst ungeniert meine menschlichen Studien zwecks persönlicher Erheiterung treiben kann, ist die U-Bahn. Ein Ort voller zwischenmenschlicher Kontakte.


Kunststück, man hockt ja auch zusammengepfercht wie die berühmten Hühner auf der Stange. Oft drängt sich einem das Gefühl von Legehennenbatterien auf und beim nächsten Einkauf greift man automatisch zu den Eiern von glücklichen frei vögelnden Hühnern.

Man soll es nicht für möglich halten, was einem dort an real Satire geboten wird. Beziehungsknatsch live, Existenzen am Rande des Minimums oder war es das Minimum am Rande der Existenz, keine Ahnung. Meinungen werden ungefragt kundgetan, Weltanschauungen verdeutlicht. Denn in der U-Bahn erfahren wir stets das neueste vom Tage. Bericht aus Berlin, den muss ich mir nicht erst abends vor dem Fernseher angucken, den bekomme ich täglich brandneu vor Ort serviert. Nicht nur auf den U-Bahn eigenen Fernsehmonitoren.

Kaum sitze ich auf einem Platz geht es los. Das ist der Moment, an dem ein kollektives Rascheln einsetzt. Die Zeitungsleser geben sich ihr Stelldichein. Je nachdem, ob sie zu den „Malochern“ gehören, zum höheren Bildungsbürgertum, zu Otto-Normalverbraucher, Stadtpatrioten, oder zu den Intellektuellen dieser Stadt können sie in die BILD gucken (auch für schwer Sehgeschädigte hervorragend zum kiebitzen geeignet), in die ZEIT, den TAGESSPIEGEL, die MoPo (Berliner Morgenpost) oder auch in die FAZ. Ab und an gelingt auch ein Blick in die TAZ.

Zeitungsleser sind eine besondere Spezies, sie unterscheiden sich ganz elementar von den Buchlesern in der U- Bahn. Der größte anzunehmende Unterschied ist der Platz!!! Davon brauchen sie je nach Zeitung eine ganze Menge. Man kann den höflichen Zeitungsleser an seiner schon vor Fahrantritt in Themen gerechte Häufchen zerteilten und zu handlichen Knautschpaketen gedrehten und gewickelten Zeitung erkennen. Auch der weniger höfliche, dennoch geübte Zeitungsleser ist leicht auszumachen. Umblättern bereitet ihm keinerlei Schwierigkeiten er kann es ebenso rasch wie geräuscharm.

Wehe dem, der jedoch das Pech hat neben einem intellektuellen Anfänger zu sitzen. Die ZEIT ist der absolute Tod in den Händen solcher Dilettanten. Wenn sie dreimal einem Arm ausgewichen sind, oder das Gefühl haben im Altpapiercontainer zu sitzen bzw. ihre beige Hose eindeutig Flecken von Druckerschwärze aufweist, dann stellt sich ihnen die Mutter aller Frage. Weichen, d.h. kapitulieren Sie? Oder sind Sie der offensive Typ und brechen lieber einen Streit vom Zaun?
Schlimm genug, wenn sie neben einem Erstsemester Platz nehmen, obwohl Sie daran ehrlich gesagt ja nun selber Schuld wären, denn die sind kaum zu verwechseln. Meist doch noch sehr jung verträumter oder ganz und gar aufmerksamer Blick, der obligatorisch prall gefüllte Rucksack, Jutetasche oder sogar ein Aktenköfferchen, je nach Studiengang. Die können einfach nicht Zeitung lesen!!!!

Am Schlimmsten sind allerdings die Eifrigen, die sich entweder Notizen machen oder unterstreichen. Da muss es noch nicht einmal `ne Zeitung sein, da reichen Unterrichtsmaterialien. Oder Schnellhefter, bis zum Anschlag gefüllt mit Kopien. Ganz amüsant, wenn der platzt!! Dann setzt hektische Betriebsamkeit ein, denn das gute Stück gibt meist seinen Geist auf, wenn es in die Tasche zurückgestopft werden soll, also genau dann, wenn die Person aussteigen möchte!!

(cat)